Werkgerechtheit

"Die Theorie, welche die Architektur unseres Jahrhunderts am stärksten beeinflußt hat, ist der Funktionalismus. Er war ein Purismus, betrieb Entmischung. Sein Ziel war Reinheit: Reinheit der Materialien durch Materialgerechtheit, Reinheit der Konstruktionsprinzipien durch Werkgerechtheit, Reinheit der Funktion durch Funktionstrennung. In der Praxis von Architektur und Städtebau in diesem Jahrhundert vollzog sich jedoch das genaue Gegenteil dieser theoretischen Forderungen. Es entwickelte sich eine historisch einzigartige Vermischung:

Bei den so genannten Verbundbaustoffen und in den Baumärkten wurde extreme Materialvermischungen und extremes Produktionschaos praktiziert. In der Architektur entstand eine nie dagewesene Vermischung der unterschiedlichsten Gebäude- und Dachformen. Im Städtebau entstand ein nie dagewesenes Chaos von Gebäudehöhen, -fluchten, -abständen und -formen. In der Raumordnung wurden Stadt, Land, Stadt und Dorf, Siedlung und Landschaft, Architektur und Natur miteinander vermischt. Und global entstand die Vermischung aller nur denkbaren Regionalcharakteristika zu einem international gleichen Einheitsgemisch, Schwarzwaldhäuser in Hollywood. Schmetterlingsgauben in Bayern und Schwedenhäuser im Sauerland. Und die Schlafstädte in Boston, Warschau und Hamburg sehen auch überall gleich aus. Als im Nachfunktionalismus die Dämme des Funktionalismus brachen, wurde die Vermischung geradezu zum ästhetischen Prinzip erhoben. Die "Postmoderne" kombinierte die verschiedensten Geschichts- und Stilelemente und -formen. "Dekonstruktivismus" und "free style" vermischten absichtsvoll die verschiedensten Konstruktions- und Strukturprinzipien. Das so genannte "ökologische Bauen" vermischte absichtsvoll die Natur mit Gebäuden und die Gebäude mit Grün. Das Phänomen der Vermischung ist aber nicht auf Architektur und Städtebau beschränkt. Auch in der Natur selbst breitet sich der .Vermischungsbazillus' rasant aus, zum Teil mit verheerenden Konsequenzen: Monokulturen von soziologiefremden, eingeschleppten "Neophyten" verdrängen einheimische öko-Systeme (indisches Springkraut und Sachalin- Knöterich an den Flußufern deutscher Mittelgebirge, Eukalyptus in Indien, Rhododendron in Wales u.s.w.). Tanker lassen Balastwasser an entgegengesetzesten Teilen der Meere ab und erzeugen eine Vermischung der maritimen ökosysteme mit unübersehbaren Folgen. Und aus Laboren entweichen Killeralgen, Mörderbienen und Viren und breiten sich über den Globus aus. Diese Beobachtungen ließen sich beliebig fortsetzen mit der Betrachtung von Konsumdesign, Kleidung, Medien und Informationen, Sprachen, Bevölkerungen, Nationen usf. In allen Fällen weisen auch die Folgen solcher Vermischungen gemeinsame Züge auf: Es entsteht stets eine Nivellierung, ein Gegensatzveriust, ein Verlust von Unverwechselbarkeit, von "Diversität". Und: Die Ergebnisse dieser Vermischung lassen sich nur sehr schwer wieder rückgängig machen. Das vermehrte Auftreten solcher Vermischungen in unserem Jahrhundert legt den Verdacht nahe, daß auch die Ursachen jeweils die gleichen sein könnten, daß sie etwas zu tun haben könnten mit der Industrialisierung, mit unserer Wirtschaftsweise, mit unserem Arbeitsverständnis.

Tatsächlich wurden die Gesetzmäßigkeiten solcher Vermischungen in der Physik bereits vor 130 Jahren entdeckt, von Carnot, Clausius und anderen. Man erkannte damals auch bereits die prinzipielle Unumkehrbarkeit solcher Vorgänge. Rudolf Clausius prägte den Begriff für diese Vermischung, der lange Zeit ein unbeachteter Fachausdruck in der Physik blieb, heute aber immer mehr zu einem Schlüsselbegriff zur Erklärung gegenwärtiger Natur- und Zivilisationsprozesse wird: Entropie. Schließlich erkannte in den siebziger Jahren dieses Jahrhunderts auch bereits der ökonom Nicholas Georgescu-Roegen, daß dieses physikalische Prinzip auch die Gesetzmäßigkeiten unserer Wirtschaftsvorgänge bestimmt... Der Prozeß der Entropievermehrung hat auch eine ästhetische Dimension: den stetigen Verlust von Unverwechselbarkeit. Er entspricht dem Verlust von Diversität und Artenreichtum in der Natur... Die nachfunktionalistischen Architekturstile und - moden sind der visuelle Nachvollzug der Permissivität unserer Wirtschaftsweise. Sie haben jeden evolutionären Anspruch aufgegeben und versuchen nur noch, die alllgemeine Vermischungstendenz unseres Wirtschaftens zur Tugend zu erheben, sie möglichst heiter abzubilden. Sie korrumpieren den Widerstand gegen diese für unseren Globus tödliche Bedrohung... Die Vermehrung der Entropie durch die Wirtschaftsweise korrumpiert auch die Wahrnehmung. Architektur müßte versuchen, dem entgegenzuwirken. In der Natur besteht zwischen Morphologie und Wahrnehmung ein enge, quasi selbsttätige, „automatische" Verknüpfung. Diese Verknüpfung ist in der heutigen Zivilisation zerrissen: Zwar folgen auch hier die Erscheinungsformen Gesetzmäßigkeiten: ökonomischen, technischen und gesellschaftlichen. Aber ein großer Teil unserer Wahrnehmung folgt weiter den Jahrmillionen alten, ererbten Prägungen der Evolution. Die schnelllebigen Erfahrungen der Zivilisation sind allenfalls erlernbar, nicht vererbbar. Anders als in der Natur folgt die ererbte Wahrnehmung nicht selbständig der Zivilisationsmorphologie, und die Form der Produkte nicht ohne weiteres den Ansprüchen und Erwartungen der Wahrnehmung. Der Zusammenhang zwischen Formenwelt und Wahrnehmung kann überwiegend nur künstlich hergestellt werden. Die Wahrnehmung bedarf eines Treuhänders bei der Produktion. Bei Investitions- und Konsum- gutem ist dies der Designer, bei Film und Fernsehen der Regisseur. Auch der Architekt ist ein Treuhänder der Wahrnehmung."

Aus: Günther Moewes: "Weder Hütten noch Paläste, Architektur und Ökologie in der Arbeitsgesellschaft", 1. Aufl., Birkhäuser Verlag: Basel, Boston, Berlin 1995

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